InfoReisebericht, 20.11.1996

Polnische Buckelpisten und Kampfnamen

Reisegruppe Widzew LodzEine legendäre Fahrt brachten meinen Bruder Harry, Michael, Bodo, Jogi, Wetze, Thomas (nach der Fahrt nur noch unter dem Kampfnamen Tomek bekannt) und mich zum Champions-League-Vorrundenspiel nach Lodz. Leidtragende unserer Mitfahrt waren „die Sonnenkönige“, die uns auf der endlos langen Busfahrt ertragen mussten.

Jugendlicher Übermut

Der jugendliche Übermut und gegenseitiges Anstacheln trieben auf dem Hinweg nicht nur leckeres Pilsbier, sondern auch Jägermeister, Kümmerling u.a. in den Körper. Auf deutschen Autobahnen ging das gut, bei dem ein oder anderen rächte es sich aber auf den polnischen Buckelpisten durch den dort stark schwankenden Bus und trotz (oder verstärkend durch) des Genusses der Delikatesse „Pansensuppe“.

In Lodz wurde unsere Luxusabsteige bezogen, qualitativ ähnlich meiner Studentenbutze, also ok. Weiter ging es zum Abschlusstraining unserer Jungs ins Stadion von Widzew Lodz. Unser Transparent wurde aufgehängt, Bodo konnte sich im WDR mit einem sensationellen Interview verewigen.

Beim Verlassen des Stadions wurde es etwas haarig, weil ein paar Widzew-Idioten Theater machen wollten und wir auch noch aufgrund des Vergessens unseres Transparentes noch einmal zurück zum Stadion mussten, erfolglos, die Tore waren zu. Das geliebte, handgenähte Transparent dient heute wahrscheinlich als Tischdecke oder Gardine in einem lodzschen Haushalt. Weiter ging es in die Innenstadt, wo wir in einem gemütlichen Irish Pub den Abend ausklingen ließen.

Gemütliche Kneipe in der InnenstadtSpesen am Spieltag

Am Spieltag hielten wir unsere Sightseeing-Aktivitäten mangels Klasse der Stadt Lodz in Grenzen und beschränkten uns auf gemeinsames, intensives Feiern in einer gemütlichen Kneipe in der Innenstadt. Der Wirt machte definitiv den Umsatz des Jahres, leider lagen die Getränkepreise nur wenig unter den gewohnten Preisen in Deutschland.

Vor Verlassen der Kneipe kam das Gerücht auf, unfreundliche Lodz-Fans würden uns auflauern, somit wanderten wir mit gemischten Gefühlen Richtung Stadion, ohne jedoch nennenswerte Probleme zu bekommen.

Im nicht überdachten, renovierungsbedürftigen Stadion versammelten sich unter den 18.000 Zuschauern ca. 1.000 bis 2.000 Dortmund-Fans im Block. Aus akustischen Gründen und aufgrund des Dauerregens bei ca. 1 Grad Celsius, konnte allerdings nur gelegentlich gute Stimmung aufkommen. Die „Stimmung“ richtete sich allerdings leider viel zu häufig gegen den allgemein unlieb gewordenen Buyern-Sympathisanten Marcel Reif und weniger zur Unterstützung der eigenen Mannschaft.

Auf und neben dem Platz

Der Oktober im Widzew Stadion in LodzNach dem frühen 1:0 durch Paul Lambert folgten zwei unmittelbare Nackenschläge durch Lodz, so dass wir nach dem 2:2 durch Kohler in der 65. Minute mit dem Ergebnis insgesamt zufrieden sein mussten und konnten. Harry und ich deckten uns noch mit den lange Zeit danach von uns im Block 12 genutzten Lodz-Mützen ein.

Nach Spielende brachte die Polizei alle Fanbusse per Polizeieskorte netter Weise durch Ampelsperrungen in rasender Geschwindigkeit Richtung Heimat. Unser immer intensiver werdendes Pöbeln nach Kaltgetränken bewog den Busfahrer allerdings schon früh, die Kolonne zu verlassen, um unsere Wünsche an einer Tanke zu befriedigen.

Nach einer schier endlosen Rückfahrt erreichten wir schließlich den Dortmunder Hauptbahnhof, wo sich unsere Wege nach einer richtig geilen Tour trennten.

Wir blicken auf eine Fahrt zurück, die wir immer in Erinnerung behalten werden. Mit Tomek, den wir bisher auf der Tribüne nur als Thomas kannten und der seinen Spitznamen für die Ewigkeit bekam, entwickelte sich durch die Tour eine intensive Freundschaft. Leider wussten die „Sonnenkönige“ unseren unbekümmerten Übermut nicht zu genießen, so dass nach der vorher durchgeführten gemeinsamen Amsterdam-Tour die Lodz-Fahrt auch die letzte gemeinsame Reise wurde.

Ohne Widzew wär hier gar nichts Lodz. Sensationell!

Das angenehme Studentenleben, tolerante Eltern und großartige Mitfahrer ermöglichten mir in der Saison des Champions-League Sieges 96/97 großartige Fahrten nach Lodz, zum Viertelfinale nach Auxerre, zum Halbfinale nach Manchester und zum Finale nach München. Was für eine Saison!

Geschrieben von Henning